Preisverleihung | 23.01.2020, 6.00 p.m.
Präsentation | 23.01.2020 - 30.01.2020
Place | Akademie der bildenden Künste Wien, Hauptgebäude, Augasse 2–6, 1090 Wien, 4. OG, C4.21.1


Cathrin-Pichler-Preis 2019: Nicole Suzuki Ausstellungsansicht „Cathrin Pichler Preis 2019 - Nicole Suzuki“, © Akademie der Bildenden Künste Wien, 2020, Foto: Joanna Pianka

Der Cathrin-Pichler-Preis 2019 geht an Nicole Suzuki, in deren Werk das Buch als materieller Austragungsort von Wissensproduktion und den ihr zugrundeliegenden Machtstrukturen lesbar wird. Im Rahmen der Preisverleihung zeigt die 1977 geborene Künstlerin, Politikwissenschaftlerin und Gründerin des Zaglossus-Verlags neue Arbeiten, die auf Techniken der Papierverarbeitung zurückgehen, wie zum Beispiel „Shifu“, die japanische Kunst der Erzeugung von Textilien aus Papierfasern. Nicole Suzukis Arbeiten vollziehen Eingriffe in das Medium des Buches, machen es dadurch als physischen Raum erfahrbar und heben direkte Wechselwirkungen zwischen transportiertem Wissen und dessen Träger hervor.

Die Ausstellung im Cathrin Pichler Archiv ist von 23.01.2020 bis 30.01.2020 von 11.00–15.00 Uhr  oder nach Vereinbarung öffentlich zugänglich, Eintritt frei.

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Nicole Suzukis Praxis konzentriert sich auf die Frage, wie Bücher gestaltet werden können, ohne hegemoniale Strukturen zu reproduzieren. Die Ausstellung anlässlich der Verleihung des Cathrin-Pichler-Preises, den Nicole Suzuki 2019 erhielt, verbindet Strategien, die Wissenshierarchien jenseits des textlichen Inhalts in Frage stellen. Diese Strategien setzen den gesamten Bereich der Bedeutungsschaffung ein, einschließlich der Prozesse der Herstellung, des Bindens und Bedruckens von Papier, des konzeptuellen Schreibens und der Verteilung von Wissen. Dadurch werden die zugrunde liegenden hierarchischen Strukturen der Wissensgenese, -bildung und -organisation, die zu epistemischer Gewalt führen können, in einem hauptsächlich sinnbasierten Ansatz angesprochen.


Nicole Suzuki präsentiert für diese Ausstellung Werke, die eine Vielzahl von Bedeutungen ansprechen und aus unterschiedlichen Quellen stammen. PAPER (2018 -) reaktiviert das Material ausrangierter Bücher durch Formverfahren, wodurch scheinbar spurlose, weiße und leere Papierkompositionen entstehen, die jedoch noch das Wissen enthalten, das ihre Materialität einst in sich trug - eine Einladung, sich von der Annahme der leeren Seite als neutralem Raum zu lösen. THREAD (2018 -) ist inspiriert von "shifu", der japanischen Kunst, Fäden für Textilien aus Papier herzustellen, und bezieht sich auf die Legende, dass solche Papierfäden in Kleidung eingewebt wurden, damit Boten heimlich Informationen durch feindliches Gebiet transportieren konnten.


Die beiden Künstlerbücher THINKABLE ETC (2020) und IS ID ALL (2017) zollen dem Buch This Bridge Called My Back: Writings by Radical Women of Color, eine haptische Hommage indem sie die Namen der Herausgeberinnen (Cherríe Moraga und Gloria Anzaldúa) und aller anderen Mitwirkenden in transparentem 3D-Lack auf den Buchumschlag prägen. Dieses Buch ist eine Sammlung von Essays, Erfahrungsberichten, Interviews und Gedichten, wurde 1981 erstmals bei Persephone Press und 1983 bei Kitchen Table: Women of Color Press wiederveröffentlicht, und war eine der ersten Publikationen, die den widersprüchlichen Erfahrungen von Women* of Color eine Stimme gaben und damit zu einem wichtigen Wandel im feministischen Bewusstsein beitrug.


THINKABLE ETC enthält unsere drei Texte, Fragen und Gefühle, die eine Zusammenstellung (in der Reihenfolge ihres Auftretens) von Phrasen und Passagen sind, die in der Anthologie This Bridge Called My Back verwendet werden. Diese Art der Überarbeitung des Textes begünstigt eine Zusammenstellung anstelle einer singulären Stimme und stellt herkömmliche Vorstellungen von Autorenkontrolle in Frage. IS ID ALL zerlegt das Buch This Bridge Called My Back noch weiter, indem es alle Wörter aus dem ursprünglichen Buch zusammenstellt und alphabetisch ordnet.  Der "neue" Text könnte entweder als eine Abfolge von Wörtern als konkrete Poesie gelesen werden oder als eine Untersuchung der Verwendung von Wörtern im Kontext des radikalen Schreibens in den frühen 1980er Jahren - denn den Theoriekanon in Frage zu stellen bedeutet auch, ein anderes Vokabular in den Diskurs einzuführen.  So oder so bieten diese Werke, wie auch die künstlerische Praxis von Nicole Suzuki, neue Lesarten von Texten an, die weder das Original reproduzieren noch etwas völlig Neues schaffen, sondern auf die Bedeutung ungehorsamer und multidirektionaler Formen des Schreibens, Lesens und Arbeitens mit Text aufmerksam machen, um (noch) marginalisiertes Wissen in den Vordergrund zu rücken.

Die Jury setzte sich zusammen aus: Carola Dertnig, Andreas Spiegl, Harald Krejci und Felicitas Thun-Hohenstein. 

In der Jurybegründung heißt es, dass Nicole Suzuki, die an der Akademie der bildenden Künste Wien das PhD-in-Practice-Programm absolviert, mit ihrem Projektvorschlag Un/Learning from Books überzeugen konnte. Das Projekt setzt sich kritisch mit den Normen und Formen der Wissensproduktion auseinander, die auch diskursbildenden Büchern inhärent sind und sich über diese vermitteln – in ihren Worten „mit deren epistemischer Gewalt, die darin (re-)produziert wird“. In diesem Sinne zielt Un/Learning from Books auf eine Kritik an den ungeschriebenen Machtstrukturen, die sich in die Wissensproduktion und -vermittlung einschreiben; eine Kritik, die auch für Cathrin Pichler in ihrer methodenkritischen Praxis als Ausstellungskuratorin und Autorin von zentraler Bedeutung war.

Nicole Suzuki (*1977) arbeitet in verschiedenen Medien zu Fragen der Wissensproduktion mit einem Schwerpunkt auf Möglichkeiten, gewaltvolle Geschichten und Begrenztheiten des Mediums Buch. Sie leitet den Verlag Zaglossus und ist interdisziplinäre Künstlerin, Politikwissenschaftlerin und Lehrende.
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