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Cathrin Pichler Archiv
für Kunst und Wissenschaften

Cathrin Pichler (1946-2012)

PichlerFoto: Cora Pongracz, Cathrin Pichler © Fotosammlung OstLicht

Als Kuratorin, Schreiberin und Visionärin und nicht ausschließlich als öffentliche Person hat Cathrin Pichler ihre Spuren über Jahrzehnte in Dialogen, Seminaren, Tagungen und Gesprächen hinterlassen. Dabei zeigte sich eine Vielfalt der Rede, deren Essenz – ausgesprochen oder unausgesprochen – jene war, herauszufinden, was es heißt, Stellung zu beziehen. Das Erstaunliche an Cathrin Pichler war, dass sie, früh zur Grand Dame der Kunstwelt ernannt, in ihrer Arbeit und ihrem Wesen und trotz ihres Anspruchs an sich selbst als kritische Intellektuelle, nie an Sinnlichkeit einbüßte. Den großen Komplex der Emotion hob sie immer in den höchsten Rang und lebte ihn. Wenn man Emotion nun mit Bewegung oder Bewegtheit gleichsetzt und Emotionslosigkeit mit Unbewegtheit, wird klar: Unbewegt war Cathrin Pichler nie. Ihr Leben bestand aus Lesen, Reisen, Sehen, Denken und vor allem Handeln und ihrer intellektuellen Wachheit entging selten etwas; ihre Aufmerksamkeit war unendlich groß, sowohl im Zuhören als auch in ihrer Zuwendung. Die Menschlichkeit, mit der sie Kunst feiern konnte, war Cathrin Pichlers Größe. Und es war Kunst, in ihren Eigenschaften fragil, fragwürdig und fragend, der sie sich verschrieben hatte. Durchgängig an Grenzgänger_innen und Schwellenwesen interessiert und wohl auch Teil derselben, schreibt sie über das Potential der Schwelle: „Die Schwelle ist etwas Ungenaues und Vieldeutiges“. Etwas wie ein Übergang, ein Moment einer Veränderung, eine Art Leerstelle in einer Bewegung, ein Atemholen zwischen zwei Zuständen. Diese Unmöglichkeit ihres widerständigen Wesens, sich zur Gänze in eine Ordnung der Vernunft einzuschreiben, schreibt sie auch der Kunst und der modernen Seele zu: „Die Kunst unterhält zur Seele eine seltsame Verwandtschaft, nicht allein über die Phantasie, die als Merkmal wohl beiden zugehört, sondern grundsätzlich und mehr noch durch eine eigentümliche Exterritorialität, die für beide charakteristisch ist. Weder die Kunst noch ihre Patin, die Seele, lassen sich endgültig festlegen [...], die Seele hat keinen bestimmten Ort, sie ist Niemandsland, ein Zwischenreich, das nur durch ein Erscheinen an anderen Orten zu bemerken ist“. So diente für Cathrin Pichler auch die Figur des Engels als notwendige Folie der Überschreitung und des Ausbruchs aus der Enge der Realität. Daraus schließend, dass „Engel erscheinen – vom Himmel gefallen – als die Konnotationen einer Poetik der Übertretung, als das zweite Gesicht. Sie künden von der Kontingenz des modernen Menschen und begleiten dessen Irrfahrt durch das Leben“. Cathrin Pichler bezeichnete damit das Andere, Fremde und Bedrohliche im Menschen selbst: „Selbst im Diminutiv des Engelchens signalisiert die Figur des Engels die Übertretung; der Engel ist der entfremdete, der nonkonforme, ausgegrenzte, revoltierende, anarchische Andere [...] er ist Möglichkeit, ja er beflügelt den Sinn für das Mögliche, die Phantasien, die Imagination und er nährt die Sehnsucht nach Erkenntnis“.

Cathrin Pichler war eine nimmermüde Repräsentantin und Darstellerin dieses „modernen Engels“, „Kristallisation des Menschenmöglichen außerhalb des Diktats der Rationalität“, Kreatorin, Darstellerin und Repräsentantin, unermüdliche Übersetzerin ästhetischer, philosophischer und politischer Möglichkeiten.